Sensible Phase
Was ist eine sensible Phase?
Da sich meine Entwicklungstheorie stark an der Natur orientiert, ist es wichtig, dass
wir den Sinn und Zweck von sensiblen Phasen kennen.
Für jede Entwicklungsphase im Leben gibt es eine bestimmte, ganz besonders
geeignete Periode. Es gibt also Zeiten, wo ein Kind reif ist, einen bestimmten
Entwicklungsschritt zu machen. Verpasst man den geeigneten Zeitpunkt für
diesen Lernschritt, vollzieht das Kind den Schritt erst viel später und
viel mühsamer. Maria Montessori, eine der bedeutendsten Pädagoginnen
unseres Jahrhunderts, prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der sensiblen
Phase. Lernt das Kind eine Sache nicht im vorgesehenen Zeitraum über das
tiefere Bewusstsein, wird es den gleichen Lernschritt auf dem intellektuellen
Weg (über die Einsicht), dafür aber erst Jahre später, vollziehen.

Mutter, die die Tochter Bianca zum Pinkeln auffordert und mit psss entsprechend stimuliert
|

Tochter, die darauf pinkelt
|
Lernfenster - beschleunigte Entwicklung
Die Aufgabe der Natur ist es in erster Linie, unser Überleben zu sichern. So hat
uns die Natur bewusst ein Mittel in die Hand gegeben, um möglichst frühzeitig für uns
wichtige Lernprozesse zu machen, zu beschleunigen und zu vertiefen, bevor wir dies
verstandesmässig oder intellektuell vollziehen können auch Lernfenster genannt. In
der sensiblen Phase Gelerntes hat den grossen Vorteil, dass es uns durch ein tieferes
Bewusstsein instinktmässig zur Verfügung steht.
Informationen fließen mit spielerischer Leichtigkeit durch
"Fenster" in das Gehirn, die nur für eine kurze Zeit geöffnet bleiben. Diese
Entwicklungsfenster treten von Geburt an bis zum 12. Lebensjahr jeweils in Phasen auf,
in denen das Gehirn am eifrigsten von seiner Umgebung lernt. In diesem Zeitraum -
insbesondere während der ersten drei Lebensjahre - werden die Grundlagen für Denken,
Sprache, Gesichtssinn, Verhaltensmuster, Begabungen und andere Charakteristika
gelegt.
Danach schließen sich die Fenster wieder, und ein wesentlicher Teil des Gehirnaufbaus
ist zur Vollendung gelangt.
Kotulak 1998,S.23
Die Reize werden auch dann weitergeleitet, wenn unser intellektuelles, rationales
Denken versagt und blockiert ist, etwa bei Krankheit, Stress, Überforderung,
Müdigkeit, Angst oder bei Kindern im Spiel. In der sensiblen Phase Gelerntes
bietet also unter anderem entscheidende überlebenswichtige Vorteile. Ein
Kind das zum richtigen Zeitpunkt (der sensiblen Phase der Gefahrenerkennung)
das Erkennen von Gefahren gelernt hat, wird später nicht einfach dem Ball
auf die Strasse nachrennen, sondern es wird stoppen, bevor es den ersten Schritt
auf die Fahrbahn gemacht hat. Müsste es erst darüber nachdenken, wäre
es längst auf der Strasse, bevor das Denken einsetzt. Aus dieser Einsicht
heraus sollten wir versuchen, die verschiedenen sensiblen Phasen unserer Kinder
wahrzunehmen und zu nutzen.
Fehlender Reiz - keine Vernetzung folglich keine Entwicklung
Entscheidend und wichtig ist, dass die Stimulation für die Entwicklung
von aussen kommen muss. Das heisst: Erst der stimulierende Reiz, der über
die Sinne aufgenommen und ans Hirn weitergeleitet wird, führt zu Entwicklung.
Bei den Ratten ist dies die Stimulation von Licht, Farben und Formen, die im
entscheidenden Moment das Hirn zur Entwicklung der Sehfähigkeit anregt.
(Ratten bleiben ein Leben lang blind, wenn ihnen in dieser Entwicklungsphase
die Augen verbunden werden.) Im nachfolgenden Beispiel, ist es der Reiz
des ins Nest gelegten Futters, das die Jungvögel lehrt Futter selbstständig
zu picken. Fehlen diese Reize kann Entwicklung schlichtweg nicht stattfinden.
So ist auch die Sprache einer sensiblen Phase unterworfen. Erhält das Kind
in diesem, von der Natur vorgesehenen, Zeitraum keine oder zu wenig sprachliche
Stimulation, wird es keine Sprache mehr lernen oder das Defizit der Sprachstörungen
kann nicht mehr wettgemacht werden. So gesehen ist auch die Stimulation von
Zahlen und Buchstaben also Lesen und Rechnen sinnvoll.
Das Bewusstsein
Also nur dem Menschen ist es gegeben, gewisse von der Natur angelegte verpasste
Entwicklungsschritte später über die Intelligenz (oft erst Jahre später)
über ein bewusstes Lernen nachzuvollziehen. Dies aber auch nur dann, wenn
die Grundlagen dafür im frühen Kindesalter geschaffen wurden. Am Beispiel
der Sprache sehen wir: Wir können später noch mehrere Sprachen verstandesmässig
dazulernen, wenn die Grundlagen einer Muttersprache vorhanden sind; wenngleich
nie mehr mit derselben Schnelligkeit und Effizienz, wie wir die Muttersprache
gelernt haben. Laute, die ich als kleines Kind nicht gelernt habe, stehen mir
später auch nicht mehr zur Verfügung. So zeigen beispielsweise Untersuchungen,
dass zehn Monate alte Kinder die Fähigkeit verloren hatten, Laute zu unterscheiden,
die in ihrer Sprache keine Rolle spielten. So können kleine Japaner nicht
mehr zwischen l und r unterscheiden, die in ihrer Sprache eben nicht vorkommen.
Tests haben ergeben, dass bei fünf Monate alten Japanern diese beiden Laute
noch eine Hirnaktivität auslösen, ab zehn Monaten zeigt das Gehirn
keine Reaktion mehr.
Trotz als Antwort nicht verstandener kindlicher Entwicklung?
Auch könnte man sagen, dass Störungen oder Irritationen der genetischen
Anlagen, und dazu gehören ganz entscheidend die sensiblen Phasen, zu Aggressionen
führen können. So wissen beispielsweise Hundebesitzer, dass der Hund
ein "genetisches Programm" hat. Wenn der Hund sich dem Leittier unterwirft,
drückt er dies durch Lecken der Lefze aus. Dem Meister, dem sich der Hund
unterwirft, will er somit das Gesicht schlecken, um seine Unterwürfigkeit
und die Akzeptanz des Geführtwerdens zu zeigen. Die meisten Menschen wehren
aber ein solches Verhalten ab. Für das Tier ist das eine Irritation. Eine
einzige solche Irritation führt noch nicht zu einem Fehlverhalten. Treffen
jedoch mehrere davon auf das "genetische Programm" des Hundes, führt
ihn das zu aggressivem Verhalten. Meine Erfahrungen zeigen mir, dass das Nichtwahrnehmen
unseres genetischen Programms, das heisst das Nichtwahrnehmen von sensiblen
Phasen, den Schluss zulässt, dass dies bei Kindern ebenfalls zu Aggressivität
führt. Es ist nämlich auffallend, wie Eltern, die die sensiblen Phasen
wahrnehmen, immer wieder feststellen, wie ausgeglichen, kooperativ und in sich
ruhend diese Kinder sich verhalten, und zwar unabhängig von ihrem Temperament,
und die Trotzphase oft auch völlig ausbleibt. Was wiederum die Frage aufwirft:
Könnte Trotz nicht erst die Reaktion der Kinder auf ein nicht verstandenes
genetisches Entwicklungsprogramm sein?
Sensible Phase des selbständigen Pickens bei Vögeln
Man weiss, dass solche sensiblen Perioden auch im Tierreich existieren. So
hat man beobachtet, dass Elternvögel von Nesthockern nach einer gewissen
Zeit einen Teil ihres Futters ihren Jungen nicht mehr in den Schnabel stecken,
sondern ins Nest legen, damit die Jungvögel selber lernen, das Futter aufzunehmen
und zu picken. In Experimenten mit jungen Staren wurden diese mit einer Pinzette
gefüttert. Der junge Star reißt bei Annäherung der Pinzette
den Schnabel weit auf und "sperrt". Füttert man ihn über
die sensible Phase hinaus weiter mit der Pinzette, ohne dass er Gelegenheit
hat etwas zu picken, lernt er nicht mehr selbstständig zu picken und würde
kläglich verhungern, wenn man ihn nicht weiterfüttern würde.
Er sperrt dann einfach den Schnabel auf und wartet auf seine Fütterung.
Weiter oben wurde schon das Experiment mit den Ratten erwähnt: Werden ihnen
zum Zeitpunkt, da sie die Augen öffnen und sehen sollten, die Augen verbunden,
bleiben sie blind.
Intelligente Natur
Auch weiss man von Maispflanzen, dass dies, werden sie von einem Schädling
befallen, einen ganz bestimmten Duftstoff ausströmen, der den Nützling
anlockt. Aber nicht nur das: Die Maispflanze ist sogar fähig, verschiedene
Duftstoffe abzusondern, die je nach Schädlingsbefall den ganz entsprechenden
Nützling anziehen. Ebenso hat man festgestellt, dass nachtaktive Schmetterlinge
auf den hinteren Flügeln so etwas wie ein Trommelfell entwickelt haben.
Die Erkenntnis der Wissenschaft ist: Solange der Falter tagaktiv ist, braucht
er diesen Schutzmechanismus nicht, da Fledermäuse während des Tages
schlafen. Jedoch brauchen ihn nachtaktive Schmetterlinge, also die Motten: Durch
das "Trommelfell" sind sie in der Lage, die Schallwellen der Fledermäuse
aufzufangen und sich entsprechend zu schützen. Was die Schlussfolgerung
zulässt, dass jedes Lebewesen sich dahin entwickelt, möglichst bestehen
zu können, also sich effizient vor bestehenden Gefahren schützen zu
können, um sein eigenes Überleben zu sichern, also mit ihrem Umfeld
kommuniziert.
Das genetische Programm ein sensibles Programm
Wenn also schon niedere Lebensformen Mechanismen entwickeln, um sich effizient zu
schützen, um wie viel mehr muss die Natur hoch entwickeltem Leben Mittel in die Hände
geben, um bestehen und das Leben meistern zu können.
Man kann sagen, dass es für jeden wichtigen Lernschritt eine so genannte sensible
Phase gibt. Manche Lernphasen unserer Kinder nehmen wir intuitiv richtig wahr, ohne
uns dessen jedoch bewusst zu sein. Andere verhindern wir mit unserem Intellekt,
ebenfalls ohne es zu merken.
Nehmen wir beispielsweise an, ein Säugling werde nach seiner Geburt direkt
mit der Flasche gefüttert. Die sensible Phase, in der das Kind an der Mutterbrust
zu trinken lernt, wird also nicht wahrgenommen. Würde man den Säugling
nach einiger Zeit an der Brust anlegen, würde er nicht mehr an der Brust
trinken. Wann der genaue Zeitpunkt in dieser sensiblen Phase überschritten
ist, wäre eine Untersuchung wert. Im Handbuch für die stillende Mutter
der "La Leche Liga" heißt es: Bei einem
voll ausgetragenen, gesunden Neugeborenen ist der Saugreflex gewöhnlich
20 bis 30 Minuten nach der Geburt am stärksten, vorausgesetzt, dass es
nicht aufgrund von Medikamenten ganz benommen ist. Wenn dieser wichtige Zeitpunkt
für das erste Anlegen verpasst wird, kann es sein, dass der Saugreflex
beim Baby etwa eineinhalb Tage lang weniger stark ausgeprägt ist.
Man hat auch festgestellt, dass das Glukosefläschchen, das dem Neugeborenen
gleich nach der Geburt verabreicht wird, Auslöser eines falschen Saugverhaltens
an der Brust sein kann. Darum ist man in manchen Kliniken dazu übergegangen,
den Säuglingen die Glukose mit einem Löffelchen zu verabreichen.
Unbedachte Handlungen
Wir sehen, dass schon kleine unbedachte Handlungen gleich nach der Geburt das
Verhalten des Säuglings beeinflussen. Der Säugling wird sozusagen falsch
programmiert, weil wir es nicht besser wissen und uns nicht bewusst sind, wie
prägend unser wissenschaftliches Einschreiten ist.
In der Tierwelt gibt es Beispiele dafür, wie die eigenen Geburtserfahrungen sogar
das spätere Mutterverhalten beeinflussen können. Regina Hilsberg beschreibt das in
ihrem Buch "Körpergefühl":
In der
Nacht hatten wir eine Kuh laut und anhaltend brüllen gehört, und am Morgen erzählte
uns der Nachbarsjunge ganz aufgeregt, dass auf der Weide ganz in der Nähe ein
Kälbchen geboren sei. Der Bauer hatte offenbar keine Zeit, es gleich zu holen,
sodass es noch dort war, als ich gegen Mittag dazu kam, ihm mit den Kindern einen
Besuch abzustatten. Da lag es im Gras, guckte etwas teilnahmslos um sich - und seine
Mutter stand etwa zwanzig Meter entfernt mit dickem, prallem, rotem Euter und
mampfte vor sich hin, ohne das Kalb auch nur eines Blickes zu würdigen.
Warum hat sich die Kuh so verhalten?
Es gibt eine einfache Erklärung, die mir schon früher einmal ein Bauer ganz nüchtern
mitgeteilt hatte. Eine Kuh, die als Kälbchen von ihrer Mutter nicht geleckt worden
ist, wird ihrerseits, wenn sie kalbt, nicht wissen, was sie zu tun hat.
|